Review zu »emotional value« laut.de, Okotber 2009
Zu oft hört man in Folge schlechter Bewertungen den Satz, der Kritiker sei “bloß neidisch”. Wieso man auf Urheber unterdurchschnittlicher bis durchschnittlicher Werke neidisch sein sollte: Mir erschließt sich das nicht. Dabei ist mir das Gefühl keineswegs fremd.
Kommentare, wie sie sich im Booklet zu “Emotional Value” zuhauf finden, lassen die Flammen der Eifersucht hoch auflodern. “All instruments: Thomas Berghaus”, heißt es da. Bestenfalls: “All other instruments: Thomas Berghaus.” Ja, scheiße: Kann der Kerl eigentlich alles spielen?
Ich fürchte fast: jawohl. Um ein wundervoll gefühlvolles, dabei kein bisschen kitschiges Album aufzunehmen, genügen dem Kölner Musiker und Produzenten die Hilfe einer knappen Handvoll Vokalisten und ein Zimmer voll Instrumente. Die bedient er wie gesagt (hmpf!) weitgehend selbst.
Seine Wurzeln verortet Berghaus unüberhörbar in Soul und Funk. Statt jedoch auf den häufig eher uninspiriert dahin schlitternden Retrozug aufzuspringen, geht er furchtlos Bündnisse mit Genre-fremden Klängen und Mustern ein.
Die zauberhafte Gesangsstimme Alison Degbes atmet im vom Soul der 60er geschwängerten Umfeld von “Work On You” Jazz aus jeder Note. Hip Hop fließt wie selbstverständlich mit ein, wenn Travis Blaque in “The Promise” sein unmissverständliches Statement zu den Zuständen im Musikgeschäft einrappt.
Fijori entsendet den “Single Warrior” in Reggae-Gefilde, erweist sich im Verlauf jedoch als unglaublich wandelbare Sängerin. Ihre Auftritte beeindrucken, ob eingebettet in einen dicken Soundteppich oder vor sparsam eingesetzter Begleitung in vollem Rampenlicht.
”You know I’m a flower, I’m supposed to bloom”, heißt es in “Push Away The Clouds”. Doch Worte verkommen zur Nebensache. Um die aufrichtende Stimmung, die Fijori in ihrem Gesang transportiert, aufzuschnappen, muss man zuweilen noch nicht einmal wissen, in welcher Sprache gesungen wird.
Rhythmus ist doppelt Trumpf, wenn die niederländische AIFF “Single Warrior” durch den Remixwolf quirlt und dem Tune eine Überdosis Afro-Funk verpasst. Für Tavis Blaques Ratschläge an “Lisa” fährt Berghaus sogar Spuren von Ska auf, um die fiese Story zu illustrieren.
Seine Handwerkskunst, Detailverliebtheit und geradezu gruselige Musikalität manifestieren sich in Basslinien, flirrenden Gitarrensaiten, geschickt gesetzter Percussion und ebenso pointiert aufgefahrenen Bläsern. Sehnsüchtige Melodien treffen auf treibende Rhythmen, Gefühl auf Groove, “positive flow will never stop”. Hoffen wirs. Neidisch bin ich trotzdem.

Review zu »emotional value« Rheinische Post, Markus Breidbach, Okotber 2009

Ein Gefühl der Traurigkeit mag einen befallen, wenn man sich „Emotional Value“ zu Gemüte führt. Nicht, weil die Platte so melancholisch gehalten oder gar schlecht ist, ganz im Gegenteil. Nein, der Grund dafür ist, dass dieser hervorragenden Arbeit wohl nicht das Feedback zuteil wird, was sie verdient.
In der Soundlandschaft rasch zusammen gezimmerter Mainstream-Produkte und Format-Radio geprägtem Massengeschmacks fristen die High Quality Releases oftmals ein unseliges Schattendasein oder werden nur von Spartenkäufern wahrgenommen. Das sollte hier auf alle Fälle anders laufen, denn die Platte ist schlichtweg der Hammer. Und dabei wohl auch wirklich radiotauglich an vielen Stellen, sofern man das im Sinne einer Auszeichnung überhaupt sagen sollte.
Ganz im Ernst, „Emotional Value“ hat einige Hit-verdächtige Perlen auf der Kette. Das Faszinierende daran ist, dass sich hier Soul, Disco, Funk, Swing, Latin, Salsa, HipHop, Reggae und Pop wunderbar ineinander fügen und eben nicht zu einem langweiligen, auf Konsens-Kante gestrickten Brei verkommen. Man kann dieses Husaren-Stück nur dem begnadeten Talent von Multi-Instrumentalist und Protagonist Tom zuschreiben, der mit Erfahrung, Spürnase und einem gerüttelt Maß an Feeling dieses Ding zusammengesetzt hat. Er hätte dabei so viel falsch machen können, hat aber genau ins Schwarze getroffen, nicht zuletzt auch dank seiner gefeaturten Künstler, allen voran der wunderbaren Fijori, einer Schwarz-Afrikanerin mit dem Schmelz des gesamten Kontinents in den Stimmbändern. Anbetungswürdig. Einzig das Cover-Artwork hätte man dem musikalischen Level anpassen sollen, da wäre noch Luft nach oben gewesen. So beineidenswert der hochkreative Kopf des Projekts auch ist, fehlt ihm doch der visuelle Glamour-Faktor, einen solchen Longplayer über die Regale im Laden in die Player in den Wohnzimmern der Käufer zu transportieren. Auf der anderen Seite spricht es absolut für Authentizität – und außerdem hat er sich das bisschen Eitelkeit nach dem Wurf eigentlich verdient. Anyway, mögen es die hoffentlich zahlreichen Kunden entscheiden.
Bekommen diese dann zu Gehör, was „Emotional Value“ innewohnt, werden sie kaum zögern, sich diesen bereits jetzt zahllosen Klassikern zu nähern und auf lange Zeit bei sich zu behalten.
Die Wärme, die man in den kalten Tagen braucht, gibt uns Shareholder Tom, ein Mann aus Köln, der uns das Universum zu Füßen legt. Dafür gebührt ihm aufrichtiger Dank und ehrliche Bewunderung! Auf der Skala von 1 bis 10 eine glatte 11!